Project Momentum

Täglich gehen wir dieselben Wege, betreten dieselben Gebäude und reden mit denselben Personen. Diese Routinen können schnell Gewohnheit werden und schlussendlich nimmt man sie gar nicht mehr richtig wahr. Aber trotz ihrer scheinbaren Belanglosigkeit bestehen diese Alltäglichkeiten aus vielen kleinen Momenten und Objekten, die unser Leben formen und bestimmen.

Mit Projekt Momentum wollten wir den Blick seiner Teilnehmer*innen wieder auf diese Fragmente des Alltags lenken.

Aber anstatt sie lediglich erneut zu beachten, baten wir darum, den Versuch zu unternehmen, sie als etwas Poetisches zu betrachten. Poetisch verstehen wir in diesem Kontext als etwas, das Außerordentliches im Gewöhnlichen sichtbar werden lässt und gerade deswegen nicht beschreibbar scheint.

Wir baten unsere Teilnehmer*innen also darum, einen Zugang zu diesen Fragmenten zu finden, indem sie diese mit Hilfe der Social Media App und Plattform Vine [LINK: https://vine.co/] aufzeichneten.

Vine erschien uns als ein ideales Werkzeug für das Projekt, da es uns ermöglichen würde, eine Vielzahl an Teilnehmer*innen zu involvieren, ohne jede*n einzelne*n selbst auswählen zu müssen. Obwohl wir uns als Initiator*in des Projekts verstanden, sollte es ein Eigenleben entwickeln, das weitestgehend ohne unsere Einflusseinnahme funktionierte. Unsere Hoffnung bestand darin, dass die Teilnehmer*innen das Projekt selbstständig an andere interessierte Personen weiterleiten würden. Auf diese Weise wäre unsere Gruppe stetig gewachsen.

Um es klar zu formulieren: Wir gaben unseren Teilnehmer*innen die Aufgabe Momente, die sie als poetisch erkannten, mit uns in Form kurzer Videos auf Vine zu teilen. Die Videos sollten mit dem Hashtag #projectmomentum gekennzeichnet werden, damit wir sie später wiederfinden könnten. Für den Fall, dass jemand kein eigenes Vine-Nutzerprofil anlegen wollte, stellten wir einen offiziellen Account für das Projekt bereit, den jeder nutzen konnte. Die Gestaltung der Videos oblag völlig den Teilnehmer*innen und wurde lediglich durch die Beschaffenheit und Limitierungen von Vine selbst bedingt. Wir baten nur darum, dass in der Beschreibung der Videos mit Hilfe der Hashtagfunktion der Aufnahmeort vermerkt wird.

Wir planten, die Videos jeden Monat einzusammeln und sie in das Korsakow-System [LINK: http://korsakow.org/] zu importieren. Mit Hilfe der Software wollten wir mögliche Verbindungen zwischen den Clips finden, um neue Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Aufnahmen bzw. die Umsetzung/Interpretation unserer ursprünglich gestellten Aufgabe zu erlangen. Auf diese Weise hätten wir mit Erweiterungen der Aufgabenstellung auf die Ergebnisse unserer Analyse reagieren können und weiterhin einen Einfluss auf die Ausrichtung des Projekts nehmen können.

Leider scheiterte das Projekt. Wir konnten von vornherein nicht genug Personen motivieren und am Ende bestand der Kreis unserer Teilnehmer*innen hauptsächlich aus Freund*innen, also Studenten und andere Akademiker. Wir können nur über die Gründe spekulieren, aber zwei lassen sich leicht erraten:

1) Unsere Suche nach einer Poesie des Alltags war schlicht zu abstrakt für eine einfache Aufgabe, die Spaß machen sollte. Sie brauchte zu viel Zeit und Raum, um erklärt zu werden, und stellte dadurch eine Zugangsbarriere dar.
2) Unsere Ausgangsgruppe an Teilnehmer*innen war zu klein und homogen. Wir haben mit dem Start des Projekts nicht genug Personen erreicht und die, die wir erreichten, kamen mehr oder minder aus einem ähnlichen sozialen Milieu.

Für zukünftige Projekte haben wir daraus einmal mehr gelernt, Vorhaben zugänglich zu gestalten und sein Publikum (bzw. in diesem Fall Teilnehmer*innen) bewusst auszuwählen.